Insbesondere im letzten Sommer in der sogenannten „Flüchtlingskrise“ entstand der Eindruck eines Ausnahmezustands, den der Staat nicht alleine bewältigen könne. Es schien, das angesichts der Zunahme von Flucht- und Migrationsbewegungen, die staatlichen Institutionen unerwartet überlastet seien. Mit dem politisch inszenierten Ausnahmezustand ließen sich zum Einen politische Maßnahme zur Begrenzung von Einwanderung, Aufenthalts- und Bleiberechtsmöglichkeiten, zum Anderen die Übernahme von existenzsichernden und professionell Aufgaben durch Freiwillige. Freiwilligenarbeit wurde vor dem Hintergrund eines vorherigen jahrelangen Abbaus von Versorgungsstrukturen (z.B. personale Stellen im LaGeSO, Unterkünfte für Geflüchtete wurden geschlossen, finanzielle Mittel gekürzt…). medibu%cc%88ro-00_01_39_19-still009

Die Funktion freiwilliger Unterstützungsarbeit erschließt sich daher erst mit Betrachtung der Veränderung des Sozialstaats innerhalb der letzten 25 Jahre. 

Seit den 90er Jahre ist eine Diskursverschiebung zu beobachten. Der Wohlfahrtsstaat wird diskursiv als erschöpft erklärt und der Sozialstaat zunehmend abgebaut. Die soziale Sicherung durch den Staat steht zunehmend zur Disposition. In der Tendenz geht die Staatsfürsorge in eine Selbstfürsorge über. Leistungsempfänger*innen gelten nicht mehr als Träger*innen von Rechten, sondern werden zur Eigenverantwortung verpflichtet. Im „aktivierenden Sozialstaat“ wird die Zivilgesellschaft gezielt in Dienst genommen, um durch den Sozialabbau entstanden Versorgungslücken, aufzufangen. Die Gemeinschaft wird zu notwendigen Ressource des kapitalistischen Systems. Zivilgesellschaftliches Engagement das noch in den 70er und 780er vor allem gesellschaftliche Selbstermächtigung gegenüber dem Staat darstellte und für mehr Partizipation eintrat, wurde zunehmend durch eine Regierungsprogrammatik eingefordert und gefördert. So werden Bürger*innen als zivilgesellschaftliche Engagierte angesprochen und zur Übernahme sozialer Aufgaben aktiviert, wodurch der Staat entlastet wird.

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Dieser „Community-Kapitalismus“ geht einher mit einem Wandel der Geschlechterverhältnisse. Heutzutage sind mehr Frauen berufstätig und verbringen weniger Zeit mit sozialen Fürsorge- und Versorgungsaufgaben. Nicht berufstätig, waren Frauen quasi eine „heimliche Ressource des Sozialstaats“, da sie quasi ganztägig und unbezahlt Care-Arbeit verrichteten. Die Veränderung der Geschlechterverhältnisse erfordert neue Ressourcen. So werden junge Rentner*innen zu „bürgerschaftlichem Engagement“ aktiviert – sei es um die unterfinanzierte Stadtbibliothek offen zu halten oder als Tagesmütter fehlende Kita-Plätze abzufangen. Die Indienstnahme der Zivilgesellschaft ist gerade durch die wandelnden Geschlechterverhältnisse zur Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems notwendig geworden. Zivilgesellschaftliches Engagement nicht „das Andere des Kapitalismus ist, sondern gewissermaßen sein Lebenselixier“. Dabei zeigt sich aber, dass auch das soziale Engagement geschlechtsspezifisch strukturiert ist. Es finden sich dort wesentlich mehr Frauen als Männer. Quelle: Silke van Dyk und Elène Misbach: Zur politischen Ökonomie des Helfens. Flüchtlingspolitik und Engagement im flexiblen Kapitalismus. In: Prokla 2016/183, 205-227.